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Genuss spricht alle Sinne an.

Thomas Vilgis im Interview.

Dass Wissen schmeckt, muss man Thomas Vilgis vom Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz nicht zweimal sagen. Denn der theoretische Physiker hat sich in seiner Arbeit dem Genuss verschrieben – auf naturwissenschaftliche Weise.

Gourmeet me: Häufig wird der Begriff Genuss mit Essen und Trinken in Verbindung gebracht. Ist das nicht zu wenig weit gegriffen?

THOMAS VILGIS: Mit Sicherheit. Auch wenn Essen und Trinken die naheliegenden Parameter sind, die mit Genuss in Verbindung gebracht werden. Aber wir betrachten auch Filme, Theaterstücke, Konzerte genüsslich, die ähnliche Glücksmomente auslösen, wie ein Drei-Sterne-Menü oder eine rare Flasche Wein – die gute Chancen hat, der Wein des Lebens zu werden. Das Hören von Musik erzeugt manchmal Gänsehaut, wir lesen Literatur mit Genuss, betrachten Bilder mit großem Genuss. Sexualität gehört natürlich ebenso dazu. Selbst mein Beruf ist weitgehend vom Genuss getrieben, nicht unbedingt, weil es vorwiegend um Lebensmittel geht, sondern weil neue, bisher unbekannte Zusammenhänge erkennbar werden. Erkenntnisfortschritt ist so ebenfalls ein großer Genuss.

Ich denke, Genuss spricht alle Sinne an. Nicht nur jene oral und olfaktorisch ausgelösten Sensationen, die wir beim Essen und Trinken empfinden. Genussmomente gibt es jeden Tag, sofern man mit offenen Augen und Ohren durch das Leben spaziert. Die erste fliegende dicke Hummel am Ende des Winters, die ersten Spargelspitzen auf den Feldern, ein Strauch mit einer lebhaft quietschenden Spatzenkolonie sind beispielsweise wahrnehmbare Zeichen, die Freude und Genuss auslösen können.

»Genussmomente gibt es jeden Tag.«

Thomas Vilgis, Professor am Max-Planck-Institut für Polymerforschung
Ist Genussfähigkeit angeboren oder erworben?

Als einfach denkender Naturwissenschaftler kann ich diese Frage nicht kompetent beantworten. Das führt weit in die Psychologie. Genussfähigkeit hat meiner Ansicht nach sehr viel mit der Motivation zu tun, mit der genussfördernde Tätigkeiten angepackt werden. Die Genussfähigkeit ist vermutlich auch mit Neugier verknüpft. Daher müsste, meiner Ansicht nach, ein Teil der Genussfähigkeit schon erlernbar sein.

Wenn man die Genussfähigkeit beherrscht, kann man sie wieder verlieren?

Das ist nicht ausgeschlossen, wenn sich zum Beispiel bestimmte Lebensereignisse, wie Arbeitsverlust oder Todesfälle in der Familie, stark auf die Psyche auswirken. Die derzeitige Corona-Pandemie zeigt auch, wie stark sich die Umstände von Kontaktsperren, Einschränkungen und Maßnahmen zur Eindämmung auf manche Menschen auswirken. Bestimmte Genussfaktoren fallen weg, Genussreisen beispielsweise sind nicht mehr möglich. Kann man aufgrund des gewohnten Lebensstils damit nicht rational umgehen, nimmt die Genussfähigkeit beziehungsweise die Lust am Genuss rapide ab.

»Genuss entsteht in unserer Zeit des Überflusses auch durch Vermeidung.«

Thomas Vilgis, Professor am Max-Planck-Institut für Polymerforschung
Bei der Lebenshaltung der Askese wird Genuss aber gezielt vermieden.

Ich denke, bei diesem Lebensstil wird die Askese selbst zum Genuss. Man belohnt sich damit, auf bestimmte Dinge zu verzichten – meist in Verbindung mit Erwartungshaltungen an die Askese, darunter vollkommene Selbstkontrolle und die Fähigkeit seinen Willen zu bestätigen. Mir erscheint das ein wenig wie ein Marathon. Bestimmte kritische Punkte müssen überwunden werden, um sich immer wieder neu zu belohnen. Dann wird sogar Schmerz zum Genuss.

Fasten sind milde, zeitlich begrenzte Formen der Askese. Die Motivation liegt in den erhofften Vorteilen, die mit Fasten verbunden werden. Hunger wird zum Genuss. Noch mildere Formen von Askese können aber auf eine ganz andere Weise genusssteigernd wirken. Allein der Verzicht auf Knabberzeug oder pappige Riegel zwischen den Mahlzeiten erhöhen die Vorfreude auf das Abendessen und steigern den Genuss.

Wie genießt man richtig?

Genuss entsteht in unserer Zeit des Überflusses auch durch Vermeidung. Würde man jeden Tag in einem hoch dekorierten Restaurant essen, wird es zur Routine. Genuss kann sich nach einer gewissen Zeit kaum noch einstellen, das Belohnungszentrum läuft in eine permanente Sättigung der Botenstoffe. Genusspausen sind daher mindestens genauso wichtig wie der Genuss selbst. Eine mögliche Ausnahme ist vielleicht tatsächlich das Selbstkochen, wenn man nicht nach Rezepten kocht. Bedingungsloses „Nach-Rezept-Kochen“ kann rasch zu einem genussmindernden Zwang werden. Freies Kochen, selbst wenn es nur wenige und ganz einfache Alltagszutaten umfasst, führt oft zu unerwarteten Überraschungen. Der Genuss folgt ganz von allein – besonders wenn der Wein noch passt. Da derartige Gerichte kaum wiederholbar sind, wird das Belohnungszentrum nicht „müde“.

Dies zeigt sich auch bei einfachen Menüs: Aperitif, Vorspeise, Hauptgang, etwas Käse und Dessert – auch einfach nur ein Stück Obst – erzielen aufgrund der Abwechslung der Geschmäcker, Aromen und Texturen eine höhere Befriedigung als eine Riesenpizza, bei der jede Gabel praktisch identisch wahrgenommen wird. Das Menü ist ein lang anhaltender Genuss, die Riesenpizza wird rasch zur reinen Nahrungsaufnahme, auch wenn die ersten drei Stücke große Genussgefühle auslösen.


ÜBER DIE PERSON
Prof. Dr. Thomas A. Vilgis studierte Physik in Ulm, legte dort seine Promotion ab und habilitierte in Mainz in Theoretischer Physik. Über Stationen in Cambridge, London und Strasbourg führte ihn sein Weg an die Universität Mainz. Am Max-Planck-Institut für Polymerforschung leitet Vilgis als Professor eine Arbeitsgruppe für analytische Physik weicher Materie.

Fotocredit: Rolling Pin
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